Der Tag, an dem ich die 100 %ige Verantwortung für mein Tun übernahm...

Im Februar 2004 bin ich eines Tages wach geworden… aber ich bin nicht aufgestanden. Ich drehte mich nur um, weil die Sonne mich störte, die durch meine Jalousien schien.

Dann zog ich mir die Decke über den Kopf, weil mich die Geräuschkulisse vor dem Fenster nervte. Das genügte zwar nicht, um wieder einzuschlafen, aber es ließ mich eindösen… kurze Zeit später klingelte mein Nokia 3210… Du weißt schon… Snake und so… ich ließ es klingeln.

 

Warum?

 

Nicht, weil es noch sooo früh morgens war, dass ich hätte behaupten können „so früh darfst Du keinen anrufen…“. 16 Uhr hat mit morgens so rein gar nichts zu tun… so spät war es nämlich… und die Sonnenstrahlen, die mich störten, waren nicht die ersten… sie waren die letzten an diesem Tag. Einem Tag, den ich komplett verschlafen hatte… mal wieder.

 

Warum?

 

Weil es für mich einfach keinen Grund gab, aufzustehen. Ganz im Gegenteil… es gab sehr viele Gründe, die dafür sprachen, lieber liegen zu bleiben… da war der Vermieter, der seit Wochen auf sein Geld wartete… Bestands-Kunden, die meine Hilfe benötigten… und die Sucht nach Nikotin… …die ich allerdings nicht stillen konnte. Weil ich nichts, absolut gar nichts besaß. Nicht einen Cent.

 

Das einzige, was ich nach meinem Rauswurf als selbständiger Partner bei einem Versicherungsvermittler mein Eigen nennen konnte, war eine Matratze, eine Lampe mit einem chinesischen Zeichen darauf und einen alten Röhrenfernseher, den ich regelmäßig dazu nutzte  – bis spät in die Nacht hinein – mein Gehirn komplett zu absorbieren.

 

Ich wollte nicht darüber nachdenken müssen, was es heißt davon zu laufen, was es heißt keine Verantwortung zu übernehmen, was es heißt feige zu sein. Als ich Filme ansah oder schlief, brauchte ich das nicht zu tun.

 

Übrigens: wenn Du süchtig bist, machst Du Dinge, an die Du Dich später nicht erinnern möchtest. Du brichst in die Wohnung Deines Vermieters über Dir ein und öffnest alle Schränke auf der Suche nach Zigaretten oder Tabak. Vielleicht findest Du sogar etwas, Deine Würde lässt Du allerdings im Schrank zurück. Es hat lange gedauert, bis ich sie wiederfand…

 

Ich war so weit unten, dass nur noch das Dach über meinem Kopf den Anschein aufrechterhielt, es ginge mir einigermaßen gut.

 

Da jeder aber sofort bemerkt hätte, dass dem nicht so war, sobald er meine Bleibe betrat, verleugnete ich mich selbst. Wenn Freunde nach mir sehen wollten und klingelten, tat ich so, als sei ich nicht da.

 

Das einzige, was ich noch unternahm, war, mit meinem Cousin einmal in der Woche ins Kino zu fahren. Das war deshalb möglich, weil er mich immer einlud und mir alles bezahlte.

 

Er war und ist bis heute für mich einer der großherzigsten Menschen, die ich kenne. Allerdings wusste er lange Zeit nicht wie schlecht es mir tatsächlich ging. Bis zu jenem Tag im Februar, als er auf die glorreiche Idee kam, sich mal meine Wohnung anzusehen.

 

Ich konnte ihn nicht mehr länger davon abhalten und so gingen wir hinein. Er betrat die Wohnung, sah das Desaster und sagte folgenden Satz:

„Ich gehe davon aus, dass Du nicht in der Lage bist die Miete zu zahlen. Wir laden jetzt die Matratze ein, Du wohnst bei mir und Du kündigst die Wohnung.“

 

Er hat mir damit nicht im herkömmlichen Sinne das Leben gerettet. Aber er hat mir das Leben gerettet.

 

8 Monate durfte ich mit ihm gemeinsam in seinem kleinen Zimmer übernachten. Er wohnte damals dort mit seiner Mutter, meiner Tante. Die war es auch, die mich darüber informierte, dass es doch möglich sei, Sozialhilfe zu beantragen, was ich dann tat. So bekam ich eine Wohnung und wieder Geld auf ein Konto, das ich seit längerer Zeit nicht mehr besaß…

 

In diesen 8 Monaten bei meinem Cousin nahm ich einen Job in einer Schnapsbrennerei am Fließband an. Als ich bereits in meiner eigenen Wohnung eingezogen war, saß ich eines Tages in meinem Auto auf dem Parkplatz der Firma. Ich sollte längst hineingegangen sein… doch ich war nicht dazu in der Lage… es war undenkbar, erneut, wie die Monate zuvor, die nächsten 9 Stunden an einem Fließband zu stehen und immer wieder diese eintönige Bewegung zu machen. Für 5,60 € in der Stunde. Also rief ich das Büro der Firma an und sagte ehrlich, warum ich nie wieder kommen würde. Zu meiner Überraschung konnte die Frau in der Verwaltung mich verstehen. Sie sagte mir später… „ich habe sowieso nie verstanden, wie gerade Du einen solch eintönigen Job machen kannst.“ Das Kompliment dahinter hab´ ich nicht sofort verstanden.

 

Heute verstehe ich es.

 

Ich nahm einen 1-Euro-Job im Orga-Team eines Jugendzentrums an. Zu Beginn kamen nur ein paar Jugendliche. Wir führten das JUZ jedoch so erfolgreich, dass bald alle Jugendlichen aus den naheliegenden Ortschaften zu uns kamen. Bis zu 100 Kids an einem Abend…Wo viele Jugendliche, da viel „Kram“. So kam es dazu, dass sich nach einem Punk-Rock-Konzert das JUZ optisch leicht verändert zeigte. Und einen Tag später hatte sich die ehemalige Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer angekündigt. Also hieß es handeln.

 

Wir riefen den harten Kern der Jugendlichen zur Besprechung zusammen, die ich moderierte. Das war, ohne dass ich es selbst wusste, meine erste Rede vor Publikum… die einschlug wie eine Bombe.

 

Ich war in der Lage, die Kids so zu motivieren, dass alle wie ein Mann an einem Strang zogen und das JUZ rechtzeitig wieder hergerichtet war. Frau Kramp-Karrenbauer besuchte uns… und sie war begeistert.

 

Ich entschied damals, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen, da ich mit den Jugendlichen so gut klar kam… mit 29 Jahren.

 

Das bedeutete allerdings weniger Geld, da eine Erzieherausbildung nicht vergütet wurde und ich im ersten Jahr meine Krankenversicherung selbst zahlen musste. Wirtschaftlich nicht gerade attraktiv eine solche Ausbildung. Aber ich schaffte es, hielt mich mit Taxifahren am Wochenende über Wasser.

 

Und ich lernte während der Ausbildung meine Frau kennen.

 

Meine wunderbare Frau Julia.

 

Nach der Ausbildung schaffte ich es, bei einem privaten Bildungsträger einen Job auf Honorarbasis an Land zu ziehen. 1 mal mittwochs für 8 Stunden… 20 Euro in der Stunde. Das war im Vergleich zu 5,60 € mehr als 3 mal so viel. Und genauso sah ich es auch. Als Aufstieg. Ich nutzte die wenige Zeit, um mich für die Firma schnell unersätzlich zu machen.

 

Also bot man mir eine halbe Stelle an. Ich nahm an. Daraus wurde eine Vollzeitstelle, nachdem ein Kollege innerhalb der Firma kürzer treten wollte. Ich füllte meinen Job aus.

 

Ich machte mehr als alle anderen um mich herum und bekam eine Stelle als Seminarleiter angeboten. Da ich auch diese Stelle zur höchsten Zufriedenheit der Geschäftsleitung ausfüllte, erhielt ich das Angebot, die Verantwortung für den neuen Standort der Firma im Saarland zu übernehmen. Ehe ich mich versah, war ich personalverantwortlich für über 30 Mitarbeiter im Saarland. Das Geschäft lief gut und ich stand kurz davor, die Umsatzschwelle zu erreichen, die mich in die Position brachte an den Gewinnen der Firma teilzuhaben.

 

Im Sommer 2015, 11 Jahre nach meinem persönlichen Lebens-Tiefpunkt, der aus einem Raum mit einer Matratze bestand, erreichte ich diese Schwelle. Meine neue Position und ein Bonus am Ende des Geschäftsjahres (50.000 €) waren mir sicher.

 

Die Sache hatte nur einen Haken. Ich sollte mein Kern-Team entlassen. So die Order von ganz oben. Es gäbe nach Abschluss des laufenden Projektes keine Verwendung mehr für sie. Wir sprechen über 4 Festangestellte, die ein Jahr lang mit mir durch Dick und Dünn gingen. Täglich bis in die späten Abendstunden mit mir gemeinsam am Erfolg des Standortes und nicht zuletzt auch der Firma arbeiteten.

 

Und dann dieser Anruf. Und die Anweisung, all diese tolle Menschen zu entlassen. Ich sagte Nein.

 

Ich informierte mein Team über das Telefonat…

 

…fuhr nach Hause und schrieb meine Kündigung. Durch die Kündigung blieben 2 der Mitarbeiter in ihrer Anstellung und die beiden anderen machten es mir aus freien Stücken nach. Ein halbes Jahr später war ich selbständig als Keynote-Speaker tätig und seitdem keinen Tag mehr ohne Auftrag.

 

Ich übernahm die hundertprozentige Verantwortung für mein Tun. Was bedeutet das im Klartext?

 

Sage, was Du denkst,

tue, was Du sagst

und stehe zu dem,

was Du getan hast.

 

In der Realität ist das schwer umzusetzen, ich weiß… Du dürftest nie wieder lügen… mir geht es aber nicht darum, dass Du in Interaktion mit anderen diese Verantwortung übernimmst.

 

Meine Aufforderung an Dich ist, dass Du Dir selbst gegenüber diese Verantwortung übernimmst. Wenn Du Dir etwas vornimmst, dann setze es verdammt nochmal auch in die Tat um.

 

Klar hatte ich Schiss 2015. Aber ich hatte auch Mut!

 

Sage Nein, wenn Du das Gefühl hast ausgenutzt zu werden und sage JA zu Deiner eigenen Entscheidung, die Du voller Überzeugung entsprechend Deiner Werte triffst. Greif Dir Dein Glück!

 

Sage JA zu Dir selbst!